Venezuela verfügt über die größten Erdölreserven der Welt. Gegenwärtig betragen die gesamten Erdölreserven Venezuelas 302 Mrd. Barrel (47,7 Mrd. Tonnen); davon kommen rund 90 Prozent als Schwer- und Schwerstöl im Orinoco-Schwerölgürtel (OSG) vor. Allerdings ist erst ein sehr geringer Teil dieser ausgewiesenen Schwerstölreserven tatsächlich für die Förderung erschlossen.
Schwerstöl - schwer zu fördern, schwer zu verarbeiten
Das Erdöl im OSG lagert vergleichsweise flach zwischen etwa 250 Meter im Süden bis 1.200 Meter im Norden. Dennoch galt die Förderung nach der Entdeckung in den 1930er Jahren zunächst als wirtschaftlich wenig attraktiv. Aufgrund seiner hohen Dichte, Viskosität sowie seines Schwefel- und Metallgehalts ist das Rohöl technisch aufwendig zu fördern und zu verarbeiten. Zudem handelt es sich dabei um ein sogenanntes Mehrphasengemisch aus schwerem und zähflüssigem Erdöl, Sediment, Formationswasser sowie Begleitgas. Dieses Gemisch muss mit leistungsstarken Pumpen an die Oberfläche gefördert werden. Fördersteigerungen sind daher an fortlaufende Investitionen und Verbesserung der Produktionsinfrastruktur geknüpft.
Um das geförderte Schwer- und Schwerstöl via Pipeline zu den Verarbeitungsanlagen zu transportieren, wird es mit leichterem Erdöl oder Naphtha verdünnt. Diese Additive werden anschließend wieder abgetrennt und zu den Förderanlagen zur Wiederverwertung zurückgepumpt. Da die meisten Erdölraffinerien außerhalb Venezuelas das Erdöl aus dem OSG nicht verarbeiten können, ist dieses Rohöl auf dem Weltmarkt nicht oder nur mit hohen Preisabschlägen verkäuflich. Eine qualitative Verbesserung des Schwer- und Schwerstöls wird durch Mischung mit leichteren Erdölen ermöglicht. Zum anderen kann das Schwer- und Schwerstöl in technisch aufwändigen Koker-Verfahren – in sogenannten Upgradern – in leichteres, synthetisches Erdöl („Syncrude“) umgesetzt werden.
Venezuelas volatile Erdölförderung
Die Förderhistorie des Landes ist von starken Auf- und Abschwüngen geprägt. Ein Produktionsmaximum wurde im Jahr 1970 erreicht. Als die Förderung im traditionellen Hauptfördergebiet um den Lago Maracaibo seit den 1970er Jahren stark zurückging und die Ölpreise stiegen, beauftragte die Regierung die 1976 gegründete staatliche Ölgesellschaft Petróleos de Venezuela S.A. (PDVSA) mit einer Neubewertung des Orinoco-Potenzials. Die Erdölreserven wurden danach um die, nach Stand der damaligen Technik, wirtschaftlich förderbaren Schwerstölmengen erhöht. Aufgrund rückläufiger Einnahmen aus dem Erdölexport, bedingt durch die niedrigen Erdölpreise seit Mitte der 1980er Jahre, fehlten jedoch zunehmend die finanziellen Mittel, um die Erschließung des OSG voranzutreiben. Daher öffnete Venezuela Anfang der 1990er Jahre den Ölsektor für ausländische Investoren. In Joint Ventures mit internationalen Unternehmen floss Kapital und technisches Know-how ins Land, während PDVSA unternehmerisch relativ unabhängig und effizient geführt wurde, bis die Regierung Ende der 1990er Jahr begann, ihren Einfluss auf die PDVSA auszuweiten.
Auf der Grundlage eines im Jahr 2001 erlassenen Gesetzes drängte die venezolanische Regierung im Jahr 2005 auf eine rechtlich-wirtschaftliche Umstrukturierung der Projektgesellschaften. Hierbei war es ausländischen Unternehmen nur noch gestattet, eine Minderheitsbeteiligung in der venezolanischen Ölindustrie zu halten. Die US-amerikanischen Erdölunternehmen zogen sich infolge der verordneten Umstrukturierung (weitgehend) aus dem Land zurück. Der drastische Ölpreisverfall ab 2014 traf den Staatshaushalt hart, da Erdölexporte die zentrale Einnahmequelle Venezuelas sind. Zudem haben die USA im Jahr 2017 Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela erlassen, sodass US-Banken bis auf weiteres keine Geschäftsbeziehung mit der PDVSA eingehen durften. Dies erschwerte die Finanzierung und Umsetzung von Erdölinfrastrukturprojekten zusätzlich. Die Förderung von Rohöl in Venezuela ist im Verlauf des Jahres 2017 drastisch eingebrochen. Der Einbruch war nicht eine kurzfristige Marktreaktion, sondern Ausdruck einer tiefen strukturellen Krise – ausgelöst durch den fallenden Ölpreis, jahrelange Misswirtschaft, verfallende Infrastruktur, Verlust von Fachwissen durch Abwanderung, finanzielle Probleme und schließlich verstärkt durch internationale Sanktionen. Die Ölförderung fiel bis 2020 auf rund 27 Mio. Tonnen – parallel dazu die Erdölexporte.
Bevor die USA Sanktionen gegen Venezuela und die PDVSA verhängten, waren die USA der größte Importeur von venezolanischem Rohöl. An der Golfküste hatten sich zahlreiche Raffinieren auf die Verarbeitung des venezolanischen Schwerstöles spezialisiert. Seit Jahren ist ein erheblicher Teil der venezolanischen Rohölexporte Teil von Öl-für-Kredite-Vereinbarungen. Vor allem China erhielt in diesem Rahmen große Mengen venezolanischen Öls. Neben China gewann auch Russland in den letzten Jahren durch die Vergabe von Krediten zunehmend Einfluss auf den venezolanischen Erdölsektor.
In den letzten Jahren konnte die venezolanische Erdölförderung wieder sukzessive gesteigert werden. Dies wurde ermöglicht durch Lieferungen von Verdünnungsmitteln aus dem Iran, die für den Transport und die Verarbeitung des Schwerstöls erforderlich sind. Aber auch durch technische Unterstützung durch die China National Petroleum Corporation sowie die teilweise Rückkehr von Ölfelddienstleistern, nachdem PDVSA einen Teil seiner Schulden beglichen hatte. Dadurch konnten einige Workover- und Wartungsanlagen wieder in Betrieb genommen werden.
Zur Erschließung des außergewöhnlich großen Kohlenwasserstoffpotenzials Venezuelas sind umfassende Investitionen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Upstream über Midstream bis Downstream – unerlässlich.