Ferrolegierungen im globalen Wettbewerb

Dokumenttyp: Meldung, Datum: 22.09.2026, Thema: Afrika , Thema: Chrom , Thema: Eisen & Stahl

Metallschmelze

Die globale Stahlindustrie tritt in eine neue Phase ein. Während Chinas Stahlproduktion 2025 mit rund 961 Mio. Tonnen auf den niedrigsten Stand seit sieben Jahren sank, verlagert sich das Wachstum zunehmend auf andere Regionen. Insbesondere Indien, die ASEAN-Länder und ausgewählte afrikanische Märkte gewinnen an Bedeutung. Die globale Stahlindustrie wird damit weniger von einem einzelnen Wachstumsmotor geprägt, sondern zunehmend durch unterschiedliche regionale Entwicklungen bestimmt. Für die Ferrolegierungsindustrie verändert sich die regionale Nachfrage und verschärft zugleich den Wettbewerb um Rohstoffe, Energie und industrielle Wertschöpfung.

Eine Branche zwischen Rohstoffen, Energie und Handelspolitik

Ferrolegierungen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Stahlproduktion, und Veränderungen bei Stahlproduktion und -verbrauch wirken sich direkt auf ihre Nachfrage aus. Für die Branche stellt sich zunehmend die Frage, wo künftig wettbewerbsfähig produziert werden kann. Neben der Nachfrage bestimmen dabei vor allem Rohstoffverfügbarkeit, Energiepreise, Produktionskosten, Handelsströme und industriepolitische Rahmenbedingungen die Standortentscheidungen.

Südafrika steht zwischen Rohstoffreichtum und Wettbewerbsdruck

Südafrika steht exemplarisch für diese neue Realität. Das Land verfügt mit seinen großen Vorkommen an Chrom, Mangan und Vanadium über einen erheblichen Rohstoffvorteil bei der Produktion von Ferrolegierungen und eine starke Position in den globalen Wertschöpfungsketten. Dennoch geriet die heimische Wertschöpfung zunehmend unter Wettbewerbsdruck, wie sich besonders deutlich am Beispiel Ferrochrom zeigt.

Südafrika baute aufgrund seiner über lange Zeit vergleichsweise günstigen Stromkosten über Jahrzehnte eine bedeutende Ferrochromindustrie auf. Doch seit 2008 stiegen die Energiekosten im Land deutlich, während China seine Kapazitäten massiv ausbaute. In der Folge verlor Südafrika zunehmend Marktanteile an China. Während Südafrika 2007 noch rund 50 Prozent der weltweiten Ferrochromproduktion stellte, lag sein Anteil 2024 nur noch bei etwa 19 Prozent. Die südafrikanische Ferrochromproduktion belief sich 2025 auf rund 3,3 Mio. Tonnen bei einer weltweiten Produktion von etwa 17,5 Mio. Tonnen.

China überholte Südafrika bereits 2012 als weltweit größten Ferrochromproduzenten; zugleich stiegen die chinesischen Importe südafrikanischen Chromerzes deutlich. Zudem begünstigt Chinas Exportzoll auf Ferrochrom von 40 Prozent den inländischen Verbrauch und sichert so die Versorgung der heimischen Edelstahlproduktion. Damit verlagerte sich ein Teil der Wertschöpfung von der Verarbeitung in Südafrika hin zur Verarbeitung in China.

Neben der Verlagerung nach China setzen insbesondere die Energiekosten die südafrikanische Ferrochromindustrie unter Druck. Die Herstellung von Ferrochrom ist extrem stromintensiv, sodass die Stromkosten unmittelbar über die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Hütten mitentscheiden. Dabei spielt Eskom, der staatliche Energieversorger Südafrikas und alleiniger Stromlieferant des Landes, eine entscheidende Rolle. Ausbleibende Instandhaltung der überalterten Kraftwerke sowie erhebliche Kostenüberschreitungen und Bauverzögerungen bei neuen Kraftwerken führten in den vergangenen Jahren zu chronischen Kapazitätsengpässen und in der Folge zu stark steigenden Strompreisen. Diese haben die Produzenten in den vergangenen Jahren erheblich belastet. Zwar verfügt Südafrika weiterhin über erhebliche installierte Ferrochromkapazitäten, doch hohe Energiekosten und operative Einschränkungen führten zu einer sinkenden Auslastung.

Um bestehende Produktionskapazitäten wettbewerbsfähig zu halten, wurden deshalb für die großen Produzenten Samancor Chrome und Glencore-Merafe Sondertarife vereinbart. Für 2026 genehmigte die staatliche Energieregulierungsbehörde NERSA zunächst einen reduzierten Tarif von 87,74 ZAR-Cent/kWh gegenüber zuvor 135,82 ZAR-Cent/kWh. Im Mai 2026 wurde der Sondertarif schließlich auf 62 ZAR-Cent/kWh gesenkt. Die Maßnahme ist zunächst zeitlich begrenzt und soll dazu beitragen, bestehende Produktionskapazitäten, Arbeitsplätze und industrielle Wertschöpfung im Land zu sichern. Bis Ende 2026 sollen wieder 45 der insgesamt 66 Anlagen zur Herstellung von Ferrolegierungen in Betrieb sein. Derzeit sind es lediglich 11.

Der Strompreis wird damit zu einem zentralen Bestandteil der südafrikanischen Debatte um die Reindustrialisierung. Denn für Südafrika geht es nicht nur darum, die verbliebene Ferrochromproduktion und Arbeitsplätze zu erhalten, sondern auch darum, verlorene Wertschöpfung zurückzugewinnen. Der Rohstoffvorteil allein reicht dafür nicht aus: Entscheidend ist, ob die Verarbeitung im Land zu international wettbewerbsfähigen Kosten erfolgen kann.

Europa: Schutz vor Importdruck

Die Frage, wie sich industrielle Wertschöpfung unter veränderten globalen Wettbewerbsbedingungen erhalten lässt, stellt sich jedoch nicht nur in rohstoffreichen Produzentenländern. Auch die Europäische Union reagiert auf den zunehmenden Wettbewerbs- und Importdruck und greift dabei verstärkt auf handelspolitische Schutzinstrumente zurück.

Für Teile der europäischen Ferrolegierungsindustrie stehen dabei die neuen Schutzzölle im Mittelpunkt. Sie sollen die heimischen Produzenten vor einem starken Anstieg der Importe schützen, wenn diese dadurch die europäischen Marktbedingungen erheblich unter Druck setzen. Für bestimmte Ferrolegierungen gelten deshalb seit 2025 Schutzmaßnahmen in Form von Zollkontingenten. Innerhalb festgelegter Mengen können Importe weiterhin zollfrei erfolgen. Wird das Kontingent überschritten, fällt ein zusätzlicher Zoll an.

Damit verfolgt die EU einen anderen Ansatz als Südafrika. Während dort vor allem die Produktionsbedingungen, insbesondere die hohen Energiekosten, im Mittelpunkt der industriepolitischen Debatte stehen, setzt Europa an der anderen Seite des Marktes an, indem sie den Zugang ausländischer Anbieter zum europäischen Markt reguliert. Ziel ist es, der europäischen Industrie unter den veränderten globalen Wettbewerbsbedingungen einen gewissen Schutz zu geben, ohne den Import vollständig zu unterbinden.

Der CO₂-Grenzsteuerausgleichsmechanismus CBAM der EU ergänzt diesen Ansatz um die klimapolitische Dimension. Während Schutzzölle auf den Umfang und die Auswirkungen von Importen zielen, adressiert der CBAM die unterschiedlichen CO₂-Kosten von europäischer und außereuropäischer Produktion. Zusammen zeigen beide Instrumente, wie eng Handels-, Klima- und Industriepolitik inzwischen miteinander verbunden sind.

Ihre
Ansprechperson

Sophie Damm

Telefon: 030 36993-220

Sophie.Damm@bgr.de

Dr. Inga Osbahr

Telefon: 030 36993-203

Inga.Osbahr@bgr.de